Inkontinenz12.3.2026·5 Min Lesezeit

Inkontinenz – mehr als nur ein Alters-Thema

Etwa fünf Millionen Menschen in Deutschland sind von Harninkontinenz betroffen – darunter viele Männer. Es ist ein Tabuthema, obwohl die Behandlungserfolge heute sehr gut sind. Wir erklären die wichtigsten Formen und Therapien.

Von Philipp Herberg

Welche Formen gibt es?

Inkontinenz ist nicht gleich Inkontinenz. Die Unterscheidung ist wichtig, weil sie über die Therapie entscheidet.

Belastungsinkontinenz

Urinverlust bei körperlicher Belastung – Husten, Niesen, Lachen, Heben. Beim Mann tritt sie häufig nach Prostata-Operationen auf, weil der Schließmuskel sehr nah am Operationsgebiet liegt. Bei der Frau ist die Beckenboden-Schwäche nach Geburten die häufigste Ursache.

Dranginkontinenz

Plötzlicher, kaum zu unterdrückender Drang – oft erreichen Betroffene die Toilette nicht mehr rechtzeitig. Ursache ist meist eine überaktive Blase mit unwillkürlichen Muskelkontraktionen.

Mischinkontinenz

Beides zusammen – häufiger als man denkt.

Überlaufinkontinenz

Die Blase kann sich nicht vollständig entleeren, läuft "über". Beim Mann oft Folge einer vergrößerten Prostata oder einer Harnröhrenenge. Diese Form wird oft spät erkannt – mit der Gefahr von Nierenschäden.

Wie wir die Form bestimmen

Diagnostik vor Therapie. Bei uns gehören dazu:

1. Miktionstagebuch – über 3 Tage alle Trinkmengen und Urinmengen dokumentieren 2. Urinuntersuchung – Infekt ausschließen 3. Ultraschall mit Restharnmessung 4. Bei Männern: PSA und Tastuntersuchung 5. Bei Bedarf urodynamische Messung in einem spezialisierten Zentrum

Erst dann besprechen wir die Behandlung.

Was wirklich hilft

Beckenbodentraining

Die Basis bei fast allen Formen. Wirklich. Nicht "halbherzig zwei Mal die Woche", sondern angeleitet durch einen spezialisierten Physiotherapeuten. Bei korrekter Anwendung über 3–6 Monate verbessert sich die Symptomatik bei der Mehrheit der Patienten deutlich.

Wir verschreiben dafür gerne ein Heilmittel-Rezept – diese Therapie ist eine Kassenleistung.

Bei Dranginkontinenz: Medikamente und Verhaltenstherapie

  • Anticholinergika (z.B. Tolterodin, Solifenacin) – beruhigen die Blasenmuskulatur
  • Mirabegron – modernere Alternative mit weniger Nebenwirkungen
  • Verhaltens-Training – feste Toilettenzeiten, langsame Verlängerung der Intervalle

Bei Überlaufinkontinenz: Ursache behandeln

Vergrößerte Prostata behandeln (Medikamente oder Operation), Harnröhrenenge erweitern. Sobald der Abfluss frei ist, normalisiert sich oft auch die Blasenfunktion.

Bei Belastungsinkontinenz nach Prostata-OP

  • Beckenboden-Training, gerne mit Biofeedback
  • Bei anhaltenden Beschwerden nach 6–12 Monaten: Inkontinenz-Band oder Schließmuskel-Prothese im spezialisierten Zentrum

Hilfsmittel – pragmatisch eingesetzt

Einlagen, spezielle Unterwäsche, Kondom-Urinale beim Mann – als Brücke während der Therapie, nicht als alleinige Lösung. Krankenkassen bezahlen einen Teil davon.

Was Sie nicht tun sollten

  • Trinkmenge stark reduzieren – verschlimmert oft das Problem (konzentrierter Urin reizt die Blase)
  • Das Thema verschweigen – auch beim Arzt
  • Im Internet bestellte "Wundermittel" probieren

Es ist immer einer der häufigsten Sätze in der Sprechstunde: "Hätte ich das nur früher angesprochen."

Wann zum Urologen?

  • Wenn Sie regelmäßig Urin verlieren – egal in welcher Situation
  • Wenn der Drang Sie nachts mehrfach aus dem Schlaf reißt
  • Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie die Blase nicht mehr richtig entleeren
  • Wenn Inkontinenz Ihre Lebensqualität einschränkt

Termin buchen – wir besprechen das Thema diskret und finden eine Lösung.

Fazit

Inkontinenz ist nicht "Schicksal" und kein Tabu. Mit gezielter Diagnostik und der richtigen Therapie lassen sich die meisten Formen deutlich bessern – oft komplett. Der erste Schritt ist immer ein offenes Gespräch beim Urologen.

Persönliches Gespräch?

Für individuelle Fragen ist ein Termin in der Praxis der bessere Weg.

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